Generation Web2.0 (Teil 1)

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Written By: Viktor Dite

…oder wie die computervermittelte Kommunikation im Zeitalter des Web 2.0 das Private immer mehr ins Öffentliche stellt.

Cartoons von Ritsch & Renn
Quelle: c’t (mit freundlicher Genehmigung von ritsch-renn.com)

Im 18. Jahrhundert definierte man ein zivilisiertes Gespräch als eine Situation, in der die privaten Belange und die persönlichen Lebensumstände nicht thematisiert wurden. Diese Konvention erlaubte eine uneingeschränkte Geselligkeit, die kleine hässliche Geheimnisse verborgen hielt und niemanden mit diesen belästigte. Rang und Staatsunterschiede waren damit zeitweilig ausser Kraft gesetzt um den freien Gesprächsfluss nicht zu hemmen. Solche Umgangsformen schufen eine gewisse öffentliche Distanz, die Privates vom Öffentlichen strikt trennten.

Mitte des 19. Jahrhunderts transformierten die kommunikativen Bedürfnisse des Menschen. Cafes, Straßen und öffentliche Plätze mutierten zu Orten öffentlich zur Schau gestellter Privatheit. Menschen saßen schweigend oder lesend, versunken in ihre Gedanken und waren wie durch unsichtbare Mauern voneinander getrennt. Der zuvor so interagierende Mensch verwandelte sich in einen bloßen Zuschauer, der hinter seinem Schweigen geschützt das öffentliche Leben beobachtete.

“Wenn wir nur eine halbe Chance sehen, stopfen wir in einem Café den Sitz neben uns mit Regenmänteln und Regenschirmen voll, starren im Wartezimmer des Arztes unablässig auf Plakate zum Thema Masern … Alles, nur nicht zu einer Begegnung einladen; alles nur um nicht verwickelt zu werden. [...] Die Bauweise öffentlicher Verkehrsmittel trägt dieser gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung. Das Design von Eisenbahnwagons, Reisebussen und Flugzeugen lässt die Passagiere auf den Nacken anderer Reisender starren, so dass niemand befürchten muss, in ein Gespräch oder eine Begegnung verwickelt zu werden.” [2]

Sitzen wir in einem der moderneren Busse, in denen die Sitze zu vierer Gruppen gerichtet sind, fühlen wir uns unwohl und beobachtet, starren ständig auf die Straße oder in den Gang des Fahrzeugs, bloß nicht “auffallend” lange in die Richtung eines Mitreisenden oder gar in die Augen der Anderen.

“Das Zusammensein vom Typ Passagier gedeiht in einer Komplizenschaft des Schweigens, und lautes Reden durchbricht die schützende Hülle der Verschwörung” [2]

Interessant ist hingegen die Entwicklung des öffentlichen Raums im Web2.0. Dort entblößt sich der gerade noch still und unauffällig im Bus sitzende, oder in einer Privatkapsel — genannt Auto — vom Rest des urbanen Kontextes getrennte Cybernaut in sozialen Netzwerken. Wer viel von sich preisgibt, wirkt interessant und wird um so häufiger referenziert. Mensen, Hörsäle und schwarze Bretter, Unizeitungen und Studentenkneipen, alles wandert in das Web2.0. Auf einmal sind wir wieder nicht nur passive Zuschauer, sondern kreative und mitteilungsbedürftige Gestalten, die sich fortwährend austauschen wollen — So twittern wir alles was wir tun und belasten damit Andere mit unserer belanglosen Privatheit. Werfen damit die Werte eines zivilisierten Gesprächs im 18. Jhd. gründlich über den Haufen, obwohl wir auch nicht die passive Stille des 19. Jhd. hinnehmen wollen. Wir spielen die eigene Daily Soap mit uns als Protagonist, Regisseur und Star und wollen Teil sein von etwas viel größerem als uns selbst.

Doch Warum tun wir das? Ist es die normale evolutionäre Entwicklung der Kommunikationsform zwischen Menschen? Mutiert unser Miteinander genau so wie vom 18. ins 19. Jhd.? Oder mischen sich beide Umgangsformen zu einem Hybriden?

>>lese dazu mehr in Teil 2

Literatur:

[1] “Ich im Internet — Wie sich die Menscheit im Internet entblößt”, Der Spiegel, Nr. 29, 2006
[2] Chatroom statt Marktplatz — Identität und Kommunikation zwischen Öffentlichkeit und Privatheit”, Ilka Willand, Kopaed 2002
3] “Leben im Netz — Identität in Zeiten des Internet”, Sherry Turkle, ro 1995
[4] “Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft”, Roberto Simanowski, ro 2008
[5] “Das digitale Nirwana”, Bernd Guggenberger, Rotbuch 1997

Dies ist ein Ausschnitt aus meinem Exposé für die abschließende Prüfung in Medienwissenschaften.


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7 Responses to “Generation Web2.0 (Teil 1)”

  1. Michael Says:

    sehr gute Einleitung in die Problematik unserer Gesellschaft. Ich würde mich noch fragen wie es weiter geht? Könnte man das Leben wirklich nur im Netz leben und auf das reale verzichten? Wenn ja, dann worüber würde man dann nach mehreren Jahren bloggen / twittern / etc.?

  2. miZine » Blog Archive » Generation Web2.0 (Teil 2) Says:

    [...] Die Geschichte der computervermittelten Kommunikation ähnelt witzigerweise der Entwicklung des Miteinander vom 18. ins 19. Jhd. (siehe Teil 1) [...]

  3. miZine » Blog Archive » Nachtrag zur Web2.0 Generation Says:

    [...] zum Post Generation Web2.0 “Während die Erwachsenen heute meist sogenannte Web 1.0-Nutzer sind, sich also passiv [...]

  4. miZine » Blog Archive » Generation Web2.0 (Teil3) Says:

    [...] Darstellung der Web2.0 Generation ist natürlich nur eine Satire. Unsere Gesellschaft ist zum Glück noch lange nicht an diesem Punkt [...]

  5. »Lesenswertig« am 14. July 2009 | Denkwertig, der persönliche Blog von René Fischer Says:

    [...] Generation Web2.0 Shared um 07:12 Uhr via Delicious …oder wie die computervermittelte Kommunikation im Zeitalter des Web 2.0 das Private immer mehr ins Öffentliche stellt. [...]

  6. Lesenswert! Generation 2.0 eine der besten Analysen « Blog.Bayern-online.de Says:

    [...] 23. August 2009 von bayernonline http://bit.ly/xu8iI [...]

  7. Aktuelle Gedanken zum Social Media Marketing | miZine Says:

    [...] (natürlich social media – was denn sonst!) und loten Googles Positionen aus. Ob es Smarrn oder nicht ist muss der “Privatanwender” natürlich selbst entscheiden aber für [...]

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